Grundwasserverunreinigung durch Industriechemikalien „PFAS“ in Leonding, Pasching und Hörsching

Grundwasserverunreinigung durch Industriechemikalien „PFAS“ in Leonding, Pasching und Hörsching – Präsentation der Erkenntnisse zu möglichen Verursacherquellen

Pressekonferenz mit Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder, Mag. Manfred Hageneder/Bezirkshauptmann Linz-Land, Mag. Dr. Christoph Kolmer/Leiter Gewässerschutz und Landesgeologie Land OÖ und Dr.in Maria Wiesauer/Expertin Trinkwasseraufsicht Land OÖ

Mit PFAS werden Industriechemikalien bezeichnet, die seit Jahrzehnten bei der Herstellung von unzähligen Produkten im Einsatz sind. Vor allem die wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften wurden zur Produktion von Textilien, Skiwachsen, Pestiziden, Feuerlöschmitteln und vielen anderen mehr eingesetzt. Mögliche Gesundheitsschädigung wie etwa Krebserkrankungen oder Leberschäden werden erst seit kurzer Zeit mit dem Einsatz und Eintrag mit der Chemikaliengruppe in Verbindung gebracht.

Ein Sondermessprogramm für einzelne Substanzen aus der PFAS-Gruppe im Jahr 2019 zeigte für Oberösterreich noch keine auffälligen Messergebnisse. Nach einem weiteren und detaillierten Messprogramm 2022 wurde man auf mögliche Verunreinigungen aufmerksam. Diese Ergebnisse führten zu genaueren Beprobungen rund um den Linzer Flughafen. Die Resultate zeigten Überschreitungen des künftig geltenden Grenzwertes.

Umgehend wurden die betroffene Bevölkerung und Wassergenossenschaften vom Land OÖ über die mögliche Gesundheitsgefährdung informiert und mit der Ausforschung der Quelle der Verunreinigung begonnen. Ein flächendeckendes Messnetz über den betroffenen Grundwasserstrom wurde aufgebaut. Eine umfassende Beprobung an insgesamt 80 Grundwassermessstellen wie Hausbrunnen, Betriebsbrunnen, Grundwassersonden und Trinkwasserversorgungsbrunnen fand unmittelbar statt. Daraufhin wurde im März 2023 mit einem laufenden Monitoringprogramm an rund 20 ausgewählten Messstellen gestartet.

Während für betroffene Haushalte und Betriebe, die an genossenschaftliche Wasserversorgungen angeschlossen waren, schnell eine Notversorgung hergestellt werden konnte, musste für mit allein mittels Hausbrunnen trinkwasserversorgte Haushalte eine Aufschließung an die kommunale Wasserversorgung hergestellt werden. Die letzten Hausanschlüsse konnten mit November 2023 fertiggestellt werden. Für diese Maßnahmen wurde der Stadtgemeinde Leonding bereits eine Bundesförderung sowie eine Sonderförderung aus Landesmitteln zugesagt. Insgesamt konnte die Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser von rund 400 betroffenen Einwohner:innen gesichert werden.

„Das Thema PFAS im Trinkwasser beschäftigt uns sehr intensiv. Die transparente Information der Öffentlichkeit über die Verunreinigung, das umgehende Einleiten von Maßnahmen und die Ursachenermittlung waren und sind ein Kernanliegen, um mögliche Gesundheitsgefährdung verhindern zu können. Die Erkenntnisse aus den umfangreichen Untersuchungen wollen wir daher heute präsentieren und die möglichen weiteren Schritte erörtern“, so Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder.

Als Hauptverursacherquelle der Grundwasserverunreinigung mit PFAS konnte in den Untersuchungen der Einsatz von fluorhaltigen Löschschäumen nachgewiesen werden. Der Einsatz der Löschmittel war zum Zeitpunkt der Verunreinigung nicht verboten und für gewisse Brandarten sogar vorgeschrieben. Einerseits fanden am Flughafen Linz-Hörsching Übungen der Flughafenfeuerwehr mit diesen Löschschäumen statt und andererseits ist das Brandereignis am Gelände der AVE 2019, bei dem ebenso mit PFAS-haltigen Löschmitteln im Einsatz waren, für eine Kontamination der Böden verantwortlich. Auch am Gelände der FF-Pasching wurde in Bodenproben PFAS gefunden. Es wird davon ausgegangen, dass die Grundwasserverunreinigung in Hörsching, Pasching und Leonding auf den Flughafen Linz zurückzuführen ist. Die Auswirkungen des Brandes bei der AVE auf die Grundwasserverunreinigung in Pasching und Leonding bedarf weiterer Abklärung.

„Bereits im Frühling des Vorjahres haben wir gemeinsam mit dem Landesfeuerwehrverband und den Umweltprofis die Entsorgung von PFAS-haltigen Löschmitteln organisiert. Um öffentliche Wasserversorger in Oberösterreich bestmöglich zu unterstützen und für die bevorstehende Einführung des Grenzwertes zu rüsten, ist es wichtig frühzeitig über PFAS Belastungen Bescheid zu wissen. Im Ressort wollen wir hier im Sinne des Vorsorgeprinzips unsere öffentlichen Wasserversorger unterstützen. Ein möglichst flächendeckender Gesamtüberblick über mögliche Verunreinigungen des Trinkwassers durch PFAS ist mir wichtig und soll damit erreicht werden“, so Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder.

Ergebnisse der Ermittlungen zu den möglichen Verursacherquellen

Das Untersuchungsgebiet befindet sich im Grundwasserkörper „Welser Heide“. Dieser ist ein sehr ergiebiger Porengrundwasserkörper. Als Porengrundwasser bezeichnet man Grundwasser in Locker- oder Festgesteinen, deren durchflusswirksame Hohlräume überwiegend aus Poren gebildet werden. Die Gewinnung von Trinkwasser erfolgt hier vor allem aus Brunnen.

Da jedoch die Datendichte zur Fließrichtung des Grundwassers im Untersuchungsgebiet gering war, mussten die konkreten Strömungsverhältnisse im Raum zwischen dem Flughafen Linz und St. Isidor neu erhoben werden. Dies war auch Teil der Erstuntersuchungen im Zeitraum Jänner bis April 2023 neben zahlreichen Brunnen-, Boden- und Gewässerbeprobungen. Demnach konnten basierend auf der nachgewiesenen räumlichen Verteilung der PFAS im Grundwasser sowie der chemischen Verteilung der Einzelsubstanzen drei konkrete Verdachtsbereiche bestätigt werden. Die Verdachtsbereiche standen dabei in Zusammenhang mit dem Einsatz unterschiedlicher Löschmittel.

  • Flughafen Linz-Hörsching
  • Brandereignis am Standort der ehem. AVE GmbH
  • FF Pasching

Im Rahmen des Auftrages der BH Linz-Land, die Ursache für die Grundwasserverunreinigung zu ermitteln wurden nun Detailuntersuchungen an den jeweiligen Standorten sowie entlang des Staudacherbachs durchgeführt.

Diese bestätigten an den Standorten Flughafen und ehem. AVE GmbH PFAS20-Gehalte im Grundwasser, teils deutlich über dem voraussichtlich Trinkwassergrenzwert von 0,1 µg/l Summe PFAS20. So kann von einer negativen Beeinträchtigung der natürlichen Beschaffenheit des Grundwassers ausgegangen werden.

Detailergebnisse zu den Verdachtsbereichen der drei Verursacherquellen

  • Flughafen Linz-Hörsching

Hier wurden im Boden, als auch kurzfristig in anfallenden Wässern eines Entwässerungskanals in den Staudacherbach relevante Belastungen an PFAS analytisch nachgewiesen. Diese sind auf den Einsatz PFAS-haltiger Löschmittel zurückzuführen.

Aufgrund der Art und Weise wie die Stoffe in das Grundwasser gelangen sowie der chemischen Verteilung der nachgewiesenen PFAS sowohl am Standort, als auch in weiterer Folge im Bereich Staudach/St. Isidor ist aus fachlicher Sicht ein ursächlicher Zusammenhang mit der großräumigen PFAS-Verunreinigung im Raum Hörsching/Pasching/Leonding gegeben.

  • AVE GmbH

Es zeigen Ergebnisse der Grundwasserbeprobungen sowie der Sickerschachtbeprobungen auch an diesem Standort relevante Belastungen mit PFAS. Aufgrund der Verteilung der Einzelsubstanzen sowie der Grundwasserströmungsverhältnisse sind die am Standort der ehem. AVE GmbH nachgewiesenen Belastungen nicht in Zusammenhang mit dem Flughafen Linz-Hörsching zu sehen.

Da die Verteilung der nachgewiesenen PFAS am Standort der ehem. AVE ebenfalls auf Löschmittel zurückgeführt werden können, kann hier von einer lokal begrenzten Beeinträchtigung des Grundwassers in Hörsching ausgehend vom Brandereignis im Jahr 2019 ausgegangen werden. Fragen zu etwaigen Auswirkungen auf den Raum Pasching und Leonding können mit dem derzeitigen Wissensstand noch nicht beantwortet werden.

  • FF Pasching

Es kann noch nicht abschließend beurteilt werden, ob eine Gefährdung des Schutzgutes Grundwassers vorliegt. Fest steht aus fachlicher Sicht jedenfalls, dass der Standort der FF Pasching nicht in Zusammenhang mit der gegenständlichen PFAS-Grundwasserverunreinigung im Raum Hörsching/Pasching/Leonding steht.

Maßnahmen seit Bekanntwerden der Verunreinigung

  • Laborbus des Landes Oberösterreich beprobte private Trinkwasserbrunnen in Staudach, Jetzing und Felling
  • Informationsveranstaltung für Betroffene der Stadt Leonding und der Gemeinde Pasching im Stadtsaal Leonding im März 2023
  • Trinkwasserausgabe an die betroffenen Haushalte für die betroffenen durch die FF Hart
  • Bei den Wassergenossenschaften Harterfeld I und Harterfeld II könnte die Wasserversorgung kurzfristig über die Stadtwasserleitung sichergestellt werden
  • Für die Stadtteile Staudach, Jetzing und Felling wurde zudem eine Bundesförderung sowie eine Sonderförderung aus Landesmitteln einer mittel- bis langfristigen Trinkwasserversorgung genehmigt
  • Zur Ursachenermittlung wurde von der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land als Wasserrechtsbehörde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet

Rechtliche Situation PFAS

Derzeit sind hinsichtlich PFAS keine gesetzlichen Grenzwerte im Trink- oder Grundwasser in Österreich festgelegt. Für Trinkwasser wird ein Grenzwert bis spätestens 2026 eingeführt. Rechtliche Basis dafür ist die 2021 in Kraft getretene EU-Trinkwasserrichtlinie. Diese EU-Richtlinie sieht einen Grenzwert von maximal 0,10 µg/l für „∑PFAS20“ (Summe von 20 definierten PFAS) vor. Der Entwurf für eine neue EU-Richtlinie, die sich derzeit im EU-Gesetzgebungsverfahren befindet, enthält PFAS-Grenzwerte für Oberflächengewässer und Grundwässer. Die fertige EU-Richtlinie ist jedoch frühestens 2024 zu erwarten.

Zur Beurteilung der erhöhten PFAS-Messergebnisse im Untersuchungsgebiet befragte die Abteilung Wasserwirtschaft die AGES Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Die Risikobewertungsstelle der AGES teilte mit, dass eine kurz- bis mittelfristige Überschreitung des zukünftigen Grenzwertes aus gesundheitlicher Sicht nicht vertretbar ist.  Im Übergangszeitraum bis 2026 (Inkrafttreten des Trinkwassergrenzwertes) ist PFAS-belastetes Wasser formalrechtlich weiterhin zur Verwendung als Trinkwasser geeignet. Im Sinne der Gesundheitsvorsorge empfiehlt die Abteilung Wasserwirtschaft in Abstimmung mit den Amtsärzten aufgrund der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen, das Wasser bei Messwerten über 0,1 µg/l für die Summe der PFAS20 nicht mehr als Trinkwasser zu verwenden.

Konkret wird empfohlen, dass der Wasserversorger die versorgte Bevölkerung über die PFAS-Messwerte sowie über Verhaltens- und Nutzungseinschränkungen informiert. Dazu wurde ein Infoblatt von der Abteilung Wasserwirtschaft ausgearbeitet. Aus fachlicher Sicht ist daher basierend auf den im Zuge der Untersuchungen nachgewiesenen PFAS-Gehalten davon auszugehen, dass es sich um eine negative Beeinträchtigung der natürlichen Beschaffenheit des Grundwassers handelt.

Eingeleitete Ermittlungsverfahren und behördliche Schritte

Aufgrund der auffälligen PFAS-Werte im Grundwasserkörper Welser Heide und des damit erweckten Verdachts des Vorliegens einer Grundwasserverunreinigung waren von der Wasserrechtsbehörde ungeachtet des noch festzusetzenden Grenzwertes Verfahren zu sämtlichen Verdachtsbereichen zu eröffnen und die zu Ermittlungs-zwecken erforderlichen Erhebungen zu veranlassen.

Im Rahmen dieser Verfahren wurden zuletzt die jeweils Verantwortlichen mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen konfrontiert und – wie gesetzlich vorgesehen – zur Umsetzung der zur Vermeidung einer weiteren Verunreinigung erforderlichen Maßnahmen aufgefordert. Dabei stehen gegenwärtig solche Maßnahmen im Vordergrund, die auch tatsächlich kurzfristig umgesetzt werden können, um eine weitere Verunreinigung des Grundwassers hintanzuhalten.

Ob und wie eine Sanierung der Verdachtsbereiche möglich ist, wird Gegenstand weiterer Erhebungen sein, die in der Folge in enger Abstimmung zwischen den jeweils Verantwortlichen und den zuständigen Behörden – neben der Wasserrechtsbehörde auch die für den Vollzug des ALSAG sowie die für betroffene Anlagen zuständigen Behörden – durchzuführen sind. Die Koordinierung und Abstimmung zwischen den betroffenen Behörden haben bereits begonnen.

Sanierung der Flächen über das Altlastensanierungsgesetz wird angestrebt

Teile des Flughafens Linz-Hörsching sind aufgrund des Einsatzes von PFOS-hältigen Löschschäumen, die seit den 60-Jahren zu Übungszwecken am Gelände eingesetzt wurden, bereits in den Verdachtsflächenkataster für Altlastensanierungen aufgenommen worden. Je nach Priorisierung der betroffenen Flächen durch die Altlastensanierungskommission können die Sanierungs- und Sicherungsmaßnahmen mit einer Förderung von 55 bis 95 Prozent umgesetzt werden. Landesrat Stefan Kaineder wird sich für eine möglichst hohe Priorisierung in der Kommission einsetzen.

Stellungnahme Geschäftsführung Linzer Flughafen

„Wir werden sehr eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten und auch die einzuleitenden Sanierungsmaßnahmen transparent kommunizieren. Ich möchte aber betonen, dass die als Ursache der Verunreinigungen identifizierten Löschmittel zu jeder Zeit den gesetzlichen Vorgaben entsprochen haben“, so Norbert Draskovits, Geschäftsführer des Linzer Flughafens.